Sommer

Mistelbefall an Obstbäumen

Gefahr für den Streuobstbau

Massiver Mistelbefall an alten Apfelhochstämmen

« Massiver Mistelbefall an alten Apfelhochstämmen

Dem aufmerksamen Betrachter ist es nicht entgangen: Die Laubholzmistel breitet sich seit einigen Jahren auf den Streuobstwiesen immer mehr aus. Die Bäume (Wirtspflanzen) werden dadurch erheblich geschwächt.

Betroffen sind vor allem Apfelbäume. Birnbäume und Bäume anderer Obstarten sind weniger befallen. Die verstärkte Ausbreitung der Mistel ist zum großen Teil auf mangelnde Kronenpflege zurckzuführen. Im Zuge der früher üblichen regelmäßigen Schnittarbeiten an den Hochstämmen auf den Obstwiesen, wurden auch die Misteln ausgeschnitten und eine weitere Ausbreitung wurde dadurch unterbunden. „Misteln auf Obstbäumen sind gewöhnlich ein Zeichen, dass der Kronenpflege nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt wird,“ schrieb schon Hans Spreng, Kantonale Obstund Gartenbauschule Oeschberg, im 1949 erschienenen Fachbuch „Neuzeitliche Obstbautechnik und Tafelobstverwertung“.
Hat sich die Mistel erst mit auch nur wenigen Pflanzen in einem Baum ausgebreitet, ist es sehr schwierig, sie wieder zurckzudrängen. Bereits 5 bis 10 vom Boden aus gut sichtbare Misteln pro Baum gelten als mittlerer Befall. (Krüger 2015). Die verstärkte Verbreitung ist auch im Zusammenhang mit den höheren durchschnittlichen Jahrestemperaturen zu sehen. Sie wirken zum einen positiv auf die Anwachsraten der Mistelkeimlinge. Zum anderen verweilen Zugvögel in milderen Wintern länger. Zu ihnen zählen auch die an der Verbreitung der Mistel maßgeblichen Arten (Bäuerle 2015).

 

Jungbaum « Auch vitale Jungbäume werden bei hohem Befallsdruck parasitiert

Schäden durch Misteln

Stark mit Misteln befallene Apfelbäume verlieren zunehmend an Vitalität und können allmählich absterben. Geschwächte Bäume werden leichter parasitiert, aber auch vitale Bäume unabhängig vom Alter können befallen werden (Abb. 1 u. 2). Die Mistel entzieht dem Baum (Wirtspflanze) hauptsächlich Wasser und Mineralstoffe. Sie assimiliert selbst, ist also nicht auf die energiereicheren Nährstoffe angewiesen. Offensichtlich kann sie aber auch das Phloem der Bäume parasitieren, also auch die Leitungsbahnen, in denen organische Verbindungen tranportiert werden (Hartmann 2009). Es empfiehlt sich daher, Misteln an Obsthochstämmen frühzeitg zu entfernen. Schon wenige Pflanzen an einem Baum können sich – aufgrund ihrer Fähigkeit sich im Holz der Wirtspflanze vegetativ zu vermehren – zu einem massiven Befall ausweiten.

Fälschlicher Weise, wird oft behauptet, die Mistel stehe unter Naturschutz. Das ist nicht der Fall. Die Laubholzmistel ist nicht geschützt und darf entfernt werden. Sie ist auch nicht auf den Apfelbaum als Wirt angewiesen. Es kommen zahlreiche andere Wirtspflanzen in der Kulturlandschaft vor. Und so ist eine Gefährdung der sehr wertvollen Heilpflanze also nicht zu befürchten, wenn man ihre Ausbreitung in Obstbeständen unterbindet.

 

a = Mistelstamm
b = Holz des Wirtes
c = Rinde des Wirtes
d = Schnittebenen
e = Senker der Sekundärwurzel; erst wenn sie an das Leitungsgewebe der Wirtspflanze angeschlossen sind, wächst die Mistel weiter und bildet die erste Vergabelung
f = Sekundärwurzel der Mistel (Seitenwurzel, Rindenstrang)
g = Knospen der Sekundärwurzel; aus ihnen können sich neue Pflanzen entwickeln (Sekundärsprosse)
h = Holz der Mistel
i = Primärwurzel der Mistel; dient lediglich der Verankerung der Mistel
schaubild
(Grafik aus SACHS 1887)
Im Querschnitt des abgeschnittenen Astes zeigt sich die durchschnittene Sekundärwurzel einer etwa 3 Jahre alten Mistel deutlich als grüner Punkt. Die Seitenwurzel verläuft im lebenden Gewebe des Baumes, dem Kambium. An ihr bilden sich die vegetativen Vermehrungsknospen, die die Rinde durchbrechen und neue Mistelpflanzen hervorbringen.

Verbreitung

Die Laubholzmistel ist eine Unterart der Weißbeerigen Mistel (Viscum album). „Viscum“ (lateinisch für „Leim“) bezieht sich auf die klebrige Schleimhülle der Beeren aus denen die Römer eine leimartige Substanz für die Vogeljagd herstellten. Der deutsche Pflanzenname „Mistel“ wird als mundartliche Abänderung von „Viscum“ verstanden, z.B. in Form der volkstümlichen Bezeichnungen „Wispen“, „Wispel“, „Mischgle“ oder „Mischgel“. Alternativ wird er als Ableitung aus dem Wort „Mist“ erklärt, was auf die Ausbreitung durch Vogelkot Bezug nimmt (DWDS 2016). Verbreitungsvögel wie Misteldrossel und Mönchsgrasmücke fressen die Beeren und scheiden sie unverdaut wieder aus. Oder sie säubern ihre Schnäbel von Beerenresten und sorgen so dafür, dass die Samen verfrachtet werden. Das weiße, klebrig-schleimige Fruchtfleisch bleibt mit den Samen an den Zweigen kleben, auf denen die Pflanze dann keimt und heranwächst.

Entwicklung 5 8
Dieser Baum zeigte 2010 einen mittleren Besatz mit Misteln (5), die ausgeschnitten wurden. Der Baum war augenscheinlich befallsfrei (6). Zwei Jahre später fielen bei genauem Betrachten erste kleine Mistelbüsche auf (7). In 2014 fallen die jungen Misteln wieder deutlich ins Auge (8)

Wachstum und Ausbreitung im Baum

Die Mistel ist in der Lage, sich ungeschlechtlich im Holz der Wirtspflanze zu vermehren (Abb. 3). Über Knospen von im Rindengewebe sich ausbreitenden Sekundärwurzeln (Rindenstränge) können sich in räumlicher Nähe der Primärpflanze neue Mistelpflanzen bilden (Sekundärsprosse).
Jedes Glied am Mistelspross wächst, indem es sich jährlich einmal vergabelt und so allmählich die kugelförmige Gestalt herausbildet. Die Oberfläche vergrößert sich durch das kontinuierliche Aufgabeln rasch. Mistelpflanzen sind binnen drei oder vier Jahren so groß wie ein Fußball und im Baum deutlich erkennbar (Abb. 5 bis 8).

Knopentriebe 9 10
Bleiben nach dem Schnitt noch Reste von Seitenwurzeln am verbleibenden Ast, bilden sich – durch den Schnitt angeregt – zahlreiche Knospentriebe (9). Die Seitenwurzeln älterer Mistelpflanzen erstrecken sich ausgedehnter unter der Rinde, so dass sich nach dem Entfernen der Mutterpflanzen zahlreiche Sekundärsprosse bilden können (10)

Eindämmung des Befalls

Die vegetative Vermehrungsstrategie der Mistel erschwert es erheblich, einen stärkeren Befall zurückzudrängen. Die ungeschlechtliche Vermehrung kann durch das Abbrechen oder Entfernen der Mutterpflanze verstärkt oder erst ausgelöst werden. Werden Äste mit Misteln abgeschnitten, dürfen sich keine Reste der Sekundärwurzeln am verbleibenden Astteil mehr befinden. Sie sind sehr regenerationsfähig und reagieren auf Verletzungen unmittelbar mit der Bildung von Sekundärsprossen (Abb. 9 und 10). Die Sekundärwurzeln wachsen aber langsam, so dass folgende Empfehlung grundsätzlich erfolgsversprechend ist „Im Winter werden die Tragzweige etwa 30 cm hinter der Ansatzstelle des Strauches abgesägt. Der Aststumpf darf keine Wurzelstränge der Mistel, die an ihrer grünen Farbe gut zu erkennen ist (Abb. 4), mehr enthalten.“ (Friedrich 1958).

Dennoch stößt diese Empfehlung in der Praxis schnell an ihre Grenzen. Bei starkem Befall, ist ein Entfernen der Misteln kaum noch möglich. Je älter und größer die Mistelpflanze ist, umso stärker sind ihre Seitenwurzeln im Baum verbreitet. Bei starkem Befall sind in der Regel auch die stärkeren Äste, Leitäste oder gar der Stamm – also das Grundgerüst des Baumes - befallen. Stärkere Äste können aber nur in Ausnahmefällen ganz entfernt werden. Es bleibt nur die Möglichkeit, die Mistel durch großzügiges Ausschneiden zu entfernen. Dies führt aber unweigerlich zu großen Wunden, die vom Baum schlecht verschlossen werden können und Eintrittspforten für Krankheitserreger darstellen. Außerdem gelingt es auch durch großzügiges Auskerben kaum, die Mistel ganz zu entfernen. Oft verbleiben Reste von sprossfähigen Seitenwurzeln im Holz (Abb. 4). Aus denen entwickeln sich, durch den Schnitt sogar angeregt, wieder neue Misteljungpflanzen. Das Ausbrechen oder das effektivere Auskerben dieser jungen, kaum entwickelten Sekundärsprosse lässt sich praktisch kaum umsetzen. Sie sind schlecht zu erkennen und werden leicht übersehen. Sind die Pflanzen aber erst wieder gut sichtbar, haben sich auch die Sekundärwurzeln schon wieder stark ausgebreitet (Abb. 9 bis 14).

Wachstum 11 14
An ältere Mistelpflanzen ist auch das Wachstum der Seitenwurzeln im Kambium weiter fortgeschritten. Nachdem ein bereits fruchtender Mistelstrauch durch Kerben aus einem stärkeren Ast geschnitten wurde (11 und 12) entstehen auch noch im zweiten Jahr nach dem Eingriff Knospenaustriebe aus den Sekundärwurzeln, auch in einiger Entfernung von der Schnittstelle (13). Das Auskerben gelingt nur bei sehr jungen Mistelpflanzen und auch nur dann, wenn keine Reste von Seitenwurzeln mehr verbleiben (14)

Bäume mit starkem Befall und mit einer größeren Anzahl älterer Mistelpflanzen lassen sich daher kaum mehr erfolgreich und gleichzeitig baumschonend sanieren. Der zeitliche Aufwand wäre nur in besonderen Ausnahmefällen zu leisten. Da der Mistelbefall über kurz oder lang aber zum wahrscheinlichen Absterben des Baumes führt, sind auch Sondermaßnahmen in Form starker Eingriffe als Alternative zur Fällung zu erwägen. Es besteht zumindest die Möglichkeit, dass die so behandelten Bäume länger leben als die unbehandelten (Abb. 15 bis 18). An dem stark reduzierten Astgerüst wäre es weniger aufwändig, Neutriebe von Misteln zu entfernen. Gleichzeitig senkt man dadurch den Befallsdruck im Bestand deutlich.

Bäume mit geringem Befall dagegen können erfolgreich behandelt werden, auch wenn Misteln an stärkeren Ästen oder am Stamm ansetzen. Einzelne stärkere Schnitte sind vertretbar, die betroffenen Astabschnitte lassen sich auch über mehrere Jahre mit überschaubarem Aufwand beobachten und eventuell aufkommende Mistelpflanzen dabei entfernen. Das erfolgt entweder durch Schneiden, durch Kerben oder einfach durch Brechen oder Abstreifen.

Mistelsanierung 15 18
Sondermaßnahme „Mistelsanierung“: An dem Apfelhochstamm wurden in 2008 alle erkennbaren Mistelpflanzen ausgeschnitten oder ausgebrochen (15 u. 16). Vier Jahre später sind sie wieder zahlreich vorhanden (17). Daraufhin wurden auch stärker befallene Äste entfernt. Bild 18 zeigt den Baum zwei Jahre später (im Austrieb mit ersten Blüten). Folgeschäden sind an größeren Wunden zwar zu erwarten, an dem vitalen Baum lässt sich jedoch eine neue Krone formieren (Sekundärkrone). Die nächsten drei bis vier Jahre wird der Baum jährlich kontrolliert, ein Neubefall entfernt und das Kronengerüst neu formiert

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Quelle:
Dieser Artikel ist in den Verbandszeitschriften „Unser Garten“, „Der Hessische Obst- und Gartenbau“ und „Ratgeber für den Gartenliebhaber“ (Februar/2017) erschienen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlag GmbH, Kulturzentrum Bettinger Mühle, Hüttersdorfer Straße 29, 66389 Schmelz, Telefon 06887 / 90 32 99 9, Telefax 06887 / 90 32 99 8,
www.unsergarten-verlag.de

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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