Fruehling

Naturgemäßer Schnitt von Obsthochstämmen

Naturgemäßer Schnitt von Obsthochstämmen

Die „naturgemäße Krone“ ist seit etwa 100 Jahren ein geläufiger Begriff in der traditionellen Schnittlehre des Obstbaus. Ausgehend von der Schweiz und dort als Oeschbergkrone konsequent weiterentwickelt ist sie auch heute noch die Grundlage einer modernen, baumschonenden und dennoch effizienten Hochstammpflege.

 

Ziel einer fachgerechten Pflege großkroniger Obsthochstämme sind Bäume, die alt werden können (Pflegeziel Baumerhaltung) und eine zumindest extensive Nutzung gestatten (Pflegeziel Nutzung). Ihre Kronen sollen also über lange Zeit stabil und vital bleiben, verwertbares Obst liefern, sowie leicht zu pflegen und zu nutzen sein. Auch wenn eine wirtschaftliche Nutzung heute nur sehr eingeschränkt möglich ist, so werden die Früchte der Bäume doch meist sinnvoll verwertet. Jegliche Nutzung – egal ob unter ökonomischen oder ideellen Gesichtspunkten – wird durch eine gut zugängliche, übersichtlich strukturierte und stabile Krone erleichtert.

Der naturgemäße Kronenaufbau kommt der natürlichen Kronenentwicklung unserer baumartigen Obstgehölze sehr nahe. Er greift die natürliche Astrangordnung der einzelnen Obstarten auf und wandelt daraus eine Rundkrone ab, die gekennzeichnet ist durch:

 
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 001
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 002
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 003

(Abb. 1-3)
Die Rangordnung der Kronenorgane bleibt bei der naturgemäßen Formierung im Idealfall über das ganze Baumleben erhalten. So erhält sich eine geordnete, gut bearbeitbare Kronenstruktur. Kennzeichnend ist die steile Formierung der Leitäste. Die Abbildungen verdeutlichen dies an Obsthochstämmen verschiedenen Alters.
(StV = Stammverlängerung, FA = Fruchtast, FH = Fruchtholz)

  • eine Stammverlängerung und i. d. R. vier aufstrebend formierte Leitäste (auch als Gerüstäste bezeichnet); die Oberseitenförderung ist an den aufstrebenden Leitästen weniger stark ausgeprägt, was den Schnittaufwand deutlich verringert
  • unterseitig ansetzende Fruchtäste, an denen der größte Teil des Fruchtholzes ansetzt; sie bleiben den Leitästen und der Stammverlängerung untergeordnet; sie können sortenbedingt flacher oder steiler ansteigen, nehmen aber durch die steile und dominierende Stellung der Gerüstäste häufig natürlicherweise einen flacheren Verlauf an
  • Fruchthölzer, die überwiegend an den Fruchtästen, seltener direkt an den Leitästen und der Stammverlängerung ansetzen

Kennzeichnend für den naturgemäßen Kronenaufbau ist die Einhaltung einer Astrangordnung. Die Leitäste sind der Stammverlängerung untergeordnet und den Fruchtästen übergeordnet. Entgegen der natürlichen Entwicklung wird diese funktionale Trennung in übergeordnete Leitäste und untergeordnete Fruchtäste laufend erhalten (Erhaltungsschnitt) und wo sie verloren gegangen ist erneuert (Erneuerungsschnitt).

Der Erhaltungsschnitt dient dazu, die in der Jugendzeit des Baumes geschaffene Astrangordnung für seine ganze Lebensdauer zu erhalten (Abb. 1 bis 3).

Jungbaum

Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 004
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 005
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 006

(Abb. 4-6)
Erziehung einer naturgemäß formierten Krone an einem Hochstamm der Sorte 'Topaz' über 7 Jahre, beginnend mit dem zweiten Standjahr. Die weiteren Bilder zeigen die Krone nach 5 und nach 7 Jahren.

Die Abbildungen 4 bis 6 zeigen exemplarisch den Erziehungsschnitt an einem jungen Obsthochstamm beginnend im zweiten Standjahr. Die grundlegende Formierung der Krone in Stammmitte, vier Leitäste und erste untergeordnete Fruchtäste ist bereits angelegt (Abb. 4). Durch eine gezielte Förderung der Leitastverlängerungen (Entfernen konkurrierender Langtriebe, Rückschnitt des verbleibenden Verlängerungstriebes, Belassen untergeordneter Fruchtäste) kräftigen sich die Gerüstäste und die Krone strukturiert sich (Abb. 5). Im 7. Standjahr ist die naturgemäße Formierung mit den aufstrebenden, den Fruchtästen übergeordneten Leitästen deutlich erkennbar und der Erziehungsschnitt abgeschlossen (Abb. 6). An Sorten mit hoher Fruchtbarkeit ist das Entfernen von Blütenknospen an den Verlängerungen von Stammmitte, Leit- und Fruchtästen ein entscheidender Handgriff beim Erziehungsschnitt. Dann wachsen auch früh und stark fruchtende Sorten wie eben 'Topaz' oder Rewena zügig heran.

Ertragsbaum

Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 007
Ertragsbaum 'Boskoop' vor dem Erneuerungsschnitt
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 008
Derselbe Baum nach dem Schnitt
Naturgemäßer Obsthochstamm-Schnitt 009
Der Baum vier Jahre nach dem ersten Schnitt

An der Krone eines etwa 30 Jahre alten Hochstamms der Sorte 'Boskoop‘ lässt sich veranschaulichen, wie Stabilität, Vitalität und Nutzbarkeit an einer naturgemäß formierten Krone ineinandergreifen. Es entsteht eine pflegeleichte und gut zu bewirtschaftende Krone, die dennoch langfristig stabil und vital bleibt. Der natürliche Kronenaufbau mit den noch weitgehend aufstrebenden Leitästen und die geringeren Aststärken des noch jüngeren aumes erlauben eine baumschonende Neuformierung nach dem naturgemäßen Modell, das bei Bedarf auch eine intensivere Obstnutzung ermöglicht (Abb. 7 bis 9).

In Abb. 7 sieht man eine Krone, die sich nach anfänglichem Erziehungsschnitt über einige Jahre natürlich entwickelt hat. Die ursprüngliche Rangordnung hat sich mit der Zeit weitgehend aufgelöst. Es haben sich an den Verlängerungen der Hauptachsen zahlreiche konkurrierende Vergabelungen entwickelt und verdichten die Krone zusammen mit den zahlreich entstandenen Fruchtästen zusehends. Das Wachstum der ursprünglich angelegten Leitäste ist noch nach oben gerichtet, sie beginnen jedoch bereits, sich unter den Fruchtlasten abzusenken.

Wichtigster Arbeitsschritt ist das Herausarbeiten vier dominierender Leitäste und einer Stammverlängerung. Die Gerüstäste werden zur Kronenperipherie zunehmend schlank geschnitten, d.h. konkurrierende Triebe an den Verlängerungen werden konsequent entfernt. Die lichte Gestaltung der Peripherie und die zunehmende Verzweigung zur Stammbasis verhindern, dass die wachstumsgeförderten Zonen in die Kronenperipherie verlagert werden. Die balkonartig nach außen und licht angeordneten Fruchtäste werden gut besonnt und ernährt. Das Fruchtgewicht verteilt sich so über den gesamten Gerüstastbereich. In Verbindung mit der steilen Leitaststellung wird die Stabilität des Baumes erheblich verbessert. Belastungen durch Früchte oder Witterungseinflüsse (Schnee, Regen, Wind) werden günstiger über den Stamm abgeleitet. Auf das arbeitsaufwändige Anbringen von Stützen in Ertragsjahren kann verzichtet werden (Abb. 8).
4 Jahren nach dem Erneuerungsschnitt haben viele der neu entstanden Langtriebe bereits gefruchtet und sich abgesenkt.

Es sind aber auch einige Konkurrenztriebe entstanden, insbesondere an den Verlängerungen von Stammmitte und Leitästen (Abb. 9).

In Abb. 2 ist der Baum nach dem nun folgenden erneuten Schnitt zu sehen. Es wird vor allem darauf geachtet, dass an der Stammmitte nur Fruchtäste erzogen werden und keine weiteren Gerüstäste entstehen. Durch das Unterbinden weiterer Leitastetagen fällt ausreichend Licht ins Kroneninnere und die Leitäste werden nicht überbaut. Die ursprünglich angelegte Astrangordnung, vor llem die Dominanz der Gerüstäste, kann so über die gesamte Lebensdauer des Baumes erhalten werden. Die fruchtenden Bereiche in der unteren Kronenhälfte reduzieren zudem das Höhenwachstum. Die Triebkraft von Stammmitte und Leitastverlängerungen wird dadurch abgeschwächt. Kronen mit steileren Achsen werden daher nicht höher als flach formierte Kronen. Der Triebzuwachs ist idealerweise in allen Bereichen der Krone – ob peripher oder basal – annähernd gleich. Der grundlegende Erneuerungsschnitt ist abgeschlossen, das Ziel eines gut nutzbaren Kronenaufbaus erreicht (s. Abb. 2).

Der zukünftige Erhaltungsschnitt beschränkt sich weitgehend auf das Auslichten zu dicht stehender oder konkurrierender Langtriebe und hält die Astrangordnung aufrecht.

Altbaum

Stammteil Dezember 2016 final SchnittTeil Seite 3 Bild 0001 Verdichtete und vergreiste Krone der Apfelsorte 'Brünnerling'
Stammteil Dezember 2016 final SchnittTeil Seite 3 Bild 0003 Der Baum nach dem Schnitt
Stammteil Dezember 2016 final SchnittTeil Seite 3 Bild 0004 Der Baum ein weiteres Jahr später nach dem zweiten Schnitt

Umstellungen mit dem Ziel einer intensiveren Kronennutzung (höhere und bessere Erträge bei deutlich verringertem Kronenvolumen, verbesserte und sicherere Zugänglichkeit der Krone für die künftige Pflege) greifen meist stark in das Kronengefüge ein. Ist das Pflegeziel aber der Baumerhalt, darf das naturgemäße Arbeiten am Hochstamm nicht zu Eingriffen führen, die den Baum nachhaltig schädigen. Ältere Bäume, deren Entwicklung aufgrund von äußeren Einflüssen (z.B. durch Schnitt oder Wetterereignisse) oder aufgrund eines untypischen natürlichen Wachstums stark vom naturgemäßen Modell abweicht, dürfen nicht durch baumschädigende Eingriffe umformiert werden. In solchen Fällen ist einzuschätzen, wo die bestehende Kronenform es noch zulässt, baumschonend so abgewandelt zu werden, dass Stabilität, Vitalität und Nutzbarkeit verbessert werden. Die Abbildungen 10 bis 12 zeigen hierfür ein Beispiel.

Für eine bessere Nutzung sollen die unteren Kronenbereiche hierarchisch besser gestellt werden. Dort soll sich die Hauptertragszone entwickeln. Dazu muss vor allem im oberen Kronenbereich stark ausgelichtet werden, der überhängende linke Leitast wird eingekürzt (Abb. 10). Im darauffolgenden Jahr werden auch die Fruchtäste stärker ausgelichtet und möglichst schlank geschnitten (Abb. 11).

Eine noch höhere Intensität in der Kronenumstellung hin zu einer Ertragskrone würde v.a. bedeuten, den Starkast an der Stammverlängerung einzukürzen (s. Pfeil in Abb. 12). Es gibt sicher nur wenige besondere Fälle in der Praxis, in der sich ein solcher Eingriff wirtschaftlich lohnt.

Auf jeden Fall wirkt sich die dabei entstehende große Wunde negativ auf die Baumgesundheit aus.

Hans-Thomas Bosch

Quelle:
Dieser Artikel ist in den Verbandszeitschriften „Obst & Garten“ (Dezember/2016) erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages Eugen Ulmer, Wollgrasweg 41, 70599 Stuttgart, www.ulmer.de / www.oug.de.

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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