Herbst

Apfelbäume: Die richtige Unterlage

Apfelbäume: Die richtige Unterlage

Die meisten Obstbäume sind veredelt, d.h. sie bestehen aus Unterlage und Edelsorte. Die Unterlage, die in der Regel die Wurzel bildet und damit die Wasser- und Nährstoffaufnahme gewährleistet, beeinflusst Wuchsstärke, Fruchtreife, Ausfärbung und Haltbarkeit der Früchte des Veredlungspartners, also der Sorte. Auch die Ertragsleistung, das Alternanzverhalten und die Lebensdauer des Baumes werden beeinflusst. Es gibt zwar schwachwachsende Apfelsorten (z.B.‘Klarapfel’, ‘James Grieve’, ‘Idared’) und starkwachsende wie ‘Gravensteiner’ und ‘Boskoop’, doch entscheidet letztlich die Unterlage, wie groß ein Baum – unabhängig von der Baumform –  wird.

Unterlagenformen

Nach der Vermehrungsart unterscheidet man zwei Gruppen von Unterlagen.

Sämlingsunterlagen werden generativ, also durch Samen vermehrt, die meist von isoliert stehenden Bäumen aus Samenspenderanlagen stammen. Sämlinge stellen also ein Gemisch von Pflanzen mit ungleichem Erbgut dar. Sie zeichnen sich durch gute Standfestigkeit und geringe Bodenansprüche aus, verursachen aber einen starken Wuchs, was den Ertragsbeginn verzögert und die Alternanz (periodisches Tragen) fördert.

Vegetativ (ungeschlechtlich) vermehrte Unterlagen lassen sich durch Abrisse gewinnen. Dazu werden Mutterpflanzen durch Rückschnitt zum Austrieb aus mehreren Augen angeregt und dann angehäufelt, so dass die jungen Triebe an der Austriebsstelle im Erdbereich Wurzeln bilden. Im Herbst kann man sie von der Mutterpflanze abreißen. Durch Abrisse gewonnene Unterlagen sind im Vergleich zu Sämlingen, die eine Pfahlwurzel bilden, immer an der Abrisswunde zu erkennen. Vegetativ vermehrte" Typen-Unterlagen" weisen ein Höchstmaß an genetischer Übereinstimmung auf. Speziell gezüchtete Typen eignen sich für diverse Anbauformen.

Wahl der Unterlage

Aufgrund gezielter Züchtung und Selektionsarbeiten stehen beim Apfel Unterlagen für jeden Zweck und jede Anbauform zur Verfügung. Im Gegensatz zu Birne und Kirsche ist beim Apfel die Affinität, d.h. die Verträglichkeit zwischen den Veredlungspartnern Unterlage und Edelsorte, sehr gut. Somit steht für jede Verwendungsart die geeignete Sorten-Unterlagen-Kombination zur Verfügung: Man kann wählen zwischen sehr schwach wachsenden Bäumen, die eine maximale Höhe von 1,75 m erreichen und einen Standraum von weniger als 1 m 2 benötigen, und stark wachsenden Hochstammbäumen, die mit einer Höhe von über 6 m einen Standraum von mehr als 60 qm ausfüllen können.

Starkwachsende Unterlagen: Hochstämme sind Bäume mit einer Mindeststammlänge von 1,60 m. Für Streuobstwiesen und Solitärbäume mit entsprechenden Standräumen stehen in erster Linie Sämlingsunterlagen sowie die Typen A2 und M11 zur Verfügung. Als Sämlinge haben sich die Sorten ‘Grahams’ und ‘Bittenfelder’ gut bewährt. Sie erreichen ein Alter von mehreren Jahrzehnten. Die Bäume sind anpassungsfähig und frostresistent.

Mittelstarkwachsende Unterlagen: Hier stehen mehrere Typen-Unterlagen zur Auswahl. Am gebräuchlichsten sind M4 und MM106. Während M4 als einigermaßen standfest gilt, benötigt MM106 in windexponierten Lagen einen Stütz-Pfahl. Bäume auf dieser Unterlagengruppe stehen im Garten als mittelhohe Einzelbäume (Halbstämme) mit 1 bis 1,20 m Stammhöhe und als 0,40 bis 0,60 m hohe Büsche. Hier ist zu beachten, dass die Baumform (z.B. Busch) nichts über die spätere Baumhöhe aussagt, die allein von der Unterlage abhängt.

Schwachwachsende Unterlagen: Im modernen Plantagenobstbau hat sich die Erziehungsform "Schlanke Spindel" durchgesetzt. Für diese Baumform und für eine Spaliererziehung im Garten oder am Haus kommen nur sehr schwach oder schwach wachsende Unterlagen in Frage.

Für den großflächigen Plantagenobstbau und für Spindel- oder Spaliererziehung im Garten ist nach wie vor M9 die Standardunterlage für praktisch alle Sorten und fast alle Standorte. Nur für extrem leichte Böden in Verbindung mit sehr schwach wachsenden Sorten bietet sich alternativ die Unterlage M26 an, die auf guten Böden jedoch eventuell schon zu stark wächst. Da M9 aber ein Typengemisch darstellt, ist das Material in Bezug auf diverse Eigenschaften nicht homogen. Aus diesem Grund hat man in zahlreichen Baumschulen und Instituten in verschiedenen europäischen Ländern M9-Herkünfte selektiert, die ein einheitliches Ausgangsmaterial bieten. Solche M9-Selektionen sind beim Baumkauf in jedem Fall vorzuziehen. Folgende Selektionen sind im Handel: Pajam 1 (Lancep) und Pajam 2 (Cepiland) stammen aus Frankreich und zeichnen sich durch Gesundheit und Frohwüchsigkeit aus. Pajam 2 wächst stärker als Pajam 1.T337, T338, T339 und T340 wurden in den Niederlanden selektiert. Als Standardklon gilt T337. Fleuren 56 stammt ebenfalls aus Holland von der Baumschule Fleuren. Als der am schwächsten wachsende M9-Klon ist er bei stärker wachsenden Sorten und auf guten Böden zu bevorzugen. Die Klone 719, 751 und 984 wurden von der Baumschule Burgmer in Deutschland selektiert. Burgmer 984 zeichnet sich durch Vitalität aus und ist am gebräuchlichsten.

Unterlagenzüchtung

Neben der Beeinflussung der Wuchsstärke verfolgt die Unterlagenzüchtung folgendeZiele:

  • gute Standfestigkeit
  • regelmäßiges Fruchten
  • Einfluss auf die Farbausbildung
  • Keine Wurzelausläuferbildung
  • Leichte Vermehrbarkeit
  • Resistenzen gegen Feuerbrand, Kragenfäule, Krebs, Blutlaus, Winterfröste, Trockenheit
  • Virusfreiheit wird in jedem Fall vorausgesetzt. Die Unterlagenzüchtung findet weltweit statt, wobei oft M9 als Kreuzungspartner dient.

Hier einige interessante Neuzüchtungen: Marc 9 wurde in den USA gezüchtet und wächst etwa gleich stark wie M26. Die zunächst nachgesagte Standfestigkeit hat sich nicht bestätigt. J9 ist eine Züchtung der Versuchsanstalt Jork im Alten Land. Die Unterlage wächst etwas stärker als M 9, bringt aber gute Ergebnisse in Ertrag und Fruchtqualität. Auch die frühere DDR hat intensiv an der Unterlagenzüchtung gearbeitet. Entstanden sind Supporter1, Supporter2, Supporter3 und Pi80 aus Kreuzungen mit M9. Sie sind im Wuchs etwa mit M9 zu vergleichen. Aus Polen sind in den letzten Jahren die neuen Unterlagen P16 und P22 mit einer Wuchsstärke zwischen M27 und M9 auf den Markt gekommen. Im Versuchsanbau zeigten sie gute Ergebnisse. Sie empfehlen sich zur Brechung der Alternanz vor allem für stärker wachsende und periodisch tragende Sorten wie ‘Delbarestivale’ und ‘Elstar’. In Versuchen wird auch die Anbaueignung einiger Züchtungen aus Tschechien überprüft. Dabei dürfte der Typ J-Te-G für den intensiven Anbau von Interesse sein.

Wenngleich M9 im Plantagenobstbau die Standardunterlage darstellt, geht der Wunsch der Anbauer weiter in Richtung schwächeres Wuchsverhalten. Als Gründe dafür werden genannt: noch früherer Ertragseintritt, beste Qualitäten in Größe und Ausfärbung, hohe Pflückleistung, geringer Schnittaufwand, höhere Flächenerträge. Bei kurzer Lebensdauer ist eine Umstellung auf neue Sorten schnell möglich. Diese Wünsche sind jedoch bei Neuanlagen mit einem Pflanzraster von 2,50 bis 3 m Reihenabstand und ca. 0,50 m Pflanzabstand, also Baumzahlen bis 10 000 pro ha, recht kostspielig. Bei solchen Dichtpflanzungen findet häufig M27 Verwendung. Die Unterlage garantiert eine ausgezeichnete Fruchtausfärbung. Bäume auf dieser Unterlage wachsen so schwach, dass man sie in einem größeren Behälter auf Balkon oder Terrasse kultivieren kann. Anlagen mit sehr schwachwüchsigen Unterlagen verlangen eine Zusatzbewässerung, da der Wurzelkörper der Bäume sehr klein bleibt und die natürlichen Niederschläge meist nicht ausreichen, um eine kontinuierliche Wasserversorgung zu gewährleisten.

Achtsamer Baumkauf

Beim Kauf von Apfelbäumen herrschen über die Sortenfrage meist klare Vorstellungen. Doch wie steht es mit der Unterlage? Sie muss auf dem Baumetikett vermerkt sein, sonst sollte man auf einen Kauf verzichten. Kauft man z.B. Bäume für Spindel- oder Spaliererziehung ohne Kenntnis der Unterlage, ist der Misserfolg in den meisten Fällen vorprogrammiert. Häufig wächst der Baum später am Standort viel zu stark und ist auch über den Schnitt nicht zu beruhigen. Das Gegenteil ist der Fall, denn jeder Rückschnitt hat einen verstärkten Austrieb zur Folge. Fazit: Auf die Unterlage kommt es an!

Garlef Steinborn, Worms

Artikel aus Obst&Garten, (1/2000) mit freundlicher Genehmigung Verlag Ulmer, Stuttgart

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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