Herbst

Ein hübscher Überlebenskämpfer: Der Hauswurtz

Ein hübscher Überlebenskämpfer: Der Hauswurtz

Die Hauswurz, Sempervivum tectorum, gehört mit zu den ältesten Pflanzen, die Menschenbenutzen. Früher galt sie sowohl als Heilpflanze, als auch als Mysterienpflanze. Sie war nämlich dem mächtigen Gott Donar geweiht. Auf die Macht der Götter vertrauend, pflanzten die Menschen die Hauswurz auf ihre Hausdächer und glaubten so vor Blitzschlag gefeit zu sein. Karl der Große hat in seiner Landgüterverordnung "Capitulare de villis" (794) ausdrücklich verlangt, dass jeder Bauer die Hauswurz als Blitzschutz auf seine Dächerpflanze. Leonhart Fuchs (1501-1566), Arzt und Pionier der modernen Botanik, hat die medizinische Wirkung der Hauswurz hoch gelobt, denn sie sollte bei Rotlauf, Entzündungen und Geschwüren helfen, der Saft bei Ruhr und Durchfall, aber auch bei Wurmerkrankungen nützen.

Die Bezeichnung Sempervivumbedeutet "immerlebend", womit die wichtigste Eigenschaft dieser Pflanze charakterisiert ist. Die Hauswurz gehört zu den anspruchslosesten Pflanzen, denen weder Hunger und Durst, noch Hitze und Kälte etwas anhaben können. Es heißt, je karger die Standortbedingungen, desto kompakter, farbiger und insgesamt schöner die Rosetten, vorausgesetzt der Platz ist sonnig und der Boden durchlässig. So wird auch verständlich, dass sie auf Mauern und Dächern oft mitminimalen Bodenschichten auskommen. Nur ganz selten vertrocknet einmal eine Pflanze, eher sterben sie durch Fäulnis, meistens, wenn sie im Winter zu nass stehen.
Im ersten Winter erlebt der Sempervivum-Anfänger zumeist eine herbe Enttäuschung, denn seine im Sommer noch makellosen Pflanzen bieten nun ein Bild des Jammers. Alle Rosetten erscheinen stumpf-grau und braun, sie sind geschrumpft und die äußeren Rosettenblätter braun und z.T. vertrocknet. Um so größer ist aber dann die Freude, wenn die Rosetten im Frühjahr zu neuem Leben erwachen, prall und farbig werden und im Mai/Juni wieder ihre ursprüngliche Schönheit erlangt haben.
Riesengroß ist der Formenkreis innerhalb der Gattung Sempervivum mit einer kaum zu überblickenden Zahl von Arten und Unterarten sowie Varietäten bzw. Sorten und Formen. Bereits beim oberflächlichen Durchsehen von Katalogen und des speziellen Schrifttums kommt man leicht auf rund 60 Arten bzw. Naturhybriden und sage und schreibe auf rund 200 Sorten. Schwer vorstellbar, wie auch ein Spezialist diese Vielfalt einigermaßen vollständig erfassen kann, vor allem, wenn man weiß, dass eine Sempervivum-Pflanze als Einzelindividuum oft phänotypischen Veränderungen durch Umweltfaktoren unterworfen ist.
Diese bei der Hauswurz besonders ausgeprägte Modifikationsfähigkeit schafft zusätzliche Probleme. So bleibt dem Pflanzenliebhaber, der die Thematik nicht sonderlich vertiefen möchte, eigentlich nur die Beschränkung auf den eigenen Geschmack sowie die vermeintlichwichtigen und geläufigen, sowie einfach zu kultivierenden Arten, Naturhybriden und Sorten, hierzu einige Beispiele: Sempervivum arachnoideum, eine hübsche kleinwüchsige Art mit weiß übersponnenen Rosetten, deshalb auch Spinnweben-Hauswurz genannt. Die Spinnfäden sind bei der Unterart S. a. ssp. tomentosum besonders dicht. Sie ist eine der wertvollsten Hauswurzarten für den Garten, lässt sich leicht kultivieren und ist für die Besiedlung von Steinen und kleinen Felsbrocken hervorragend geeignet.

hauswurz 2 230Eine ebenfalls gute Gartenpflanze besitzen wir in S.calcareum mit der Sorte 'Greenii', kleine Rosetten mit blaugrünen Blättern und purpurbraunen Blattspitzen. Keine Schwierigkeiten in der Kultur bereitet auch S.ciliosum, wenn die Pflanzen vor Winternässe geschützt werden. Die mittelgroßen Rosetten (2-5cm) sind behaart und geben der Pflanze eine graue Färbung. Nochdichter ist die Behaarung bei S. c. var. borisii. Beide Arten bilden zahlreiche Tochterrosetten an behaarten Ausläufern. Aus den Bergen der südlichen Schweiz und dem nördlichen Italien kommt S. grandiflorum mit Rosetten von 2 bis 5 cm im Durchmesser. Die Blätter tragen Drüsenhaare und sind harzig-klebrig, grüngelb und an der Basis purpurfarben. Diese Art bevorzug tallerdings einen nicht zu mageren Boden mit neutraler bis leichtsaurer Reaktion.
Zu den im Gartenwillig wachsenden Arten gehört auch S. ruthenicum, die in den Gebirgen Osteuropas heimisch ist. Die Rosetten sind mittelgroß (5-8 cm), fein behaart und mit langen Wimpern versehen. Die Farbe der Blätter zeigt einstumpfes Grün, manchmal mitrotbraunen Spitzen. S. tectorum wird als die Echte Dach-Hauswurz oder Gewöhnliche Hauswurz bezeichnet, die wie bereits erwähnt, schon im Altertum bekannt war. Sie ist im Gebiet von den Pyrenäen bis zu den Alpen verbreitet und außerordentlichvariabel. Die Rosetten erreichen einen Durchmesser bis zu 18 cm. Die Grundfarbe der Blätter ist Grün mit purpurroten Schattierungen an den Blattspitzen. Gewöhnlich sind die Blätter unbehaart, aber gelegentlich weiß bewimpert. Bemerkenswert ist der imposante Blütenstand mit einer Höhe von 20-40 cm und überwiegend purpurfarbenen Blüten.
Die meisten Formen und Sorten von S. tectorum lassen sich leicht kultivieren, wie z. B.: 'Atropurpureum' mit dunkelvioletten Rosetten, 'Nigrum' besitzt hellgrüne Blätter mit dunkelroten Spitzen, für 'Triste' sind die stumpf-rotbraunen Rosetten typisch, 'Boissieri' zieren bronzegrüne Rosetten mit rotbraunen Spitzen, 'Red Flush' bildet sehr schön geformte und im Frühjahr rot gefärbte Rosetten, 'Royanum' wirkt mit großen, gelbgrünen Rosetten und roten Blattspitzen sehr attraktiv sowie 'Sunset', deren Blätter im Herbst eine orange bis rote Färbung annehmen.
Zu einer Auswahl könnten auch die alten und heute noch aktuellen Sorten gehören: 'Alpha', 'Beta' und 'Gamma' sowie 'Rheinkiesel', 'Rubin',' Smaragd' und 'Topas'. Neuere interessante Sorten wären z. B. 'Bronco', gute Form mit grünen Rosetten und purpurbraunen Blattspitzen; 'Cherry Frost', auffällige Sorte mit ziemlich großen Rosetten, die fast das ganze Jahr über schön weinrot gefärbt sind.' King George', bekannte Sorte mit kleinen grünen Rosetten und braunen Blattspitzen; 'Mercury', sehr schöne, bewährte Form mitmittelgroßen Rosetten von braun bisorangeroter Färbung; 'Ohio Burgundy', eine ebenfalls gute Sorte mit größeren Rosetten (10cm) von kompaktem Wuchs und interessanter orangeroter Farbe.' Olivette' besitzt eine schöne olivgrüne Farbe; 'Patrician' wächst kompakt mit mittelgroßen, intensiv orangeroten Rosetten (8 cm); 'Reinhard' bildet mit sattgrünen Rosetten und schwarzbraunen Blattspitzen einen sehr schönen Kontrast; 'Sioux' wächst ziemlichstark mit schön geformten, orangeroten, an der Blattbasis rosafarbenen Rosetten und schließlichdie sehr attraktive 'Zackenkrone' mit mittelgroßen Rosetten und brillianter Farbe, nämlich an der Blattbasis purpur und zu den Blattspitzen hin in ein Grüngold übergehend.
Die Auswahl könnte beliebig fortgesetzt werden, noch lange sind nicht alle schönen Sorten aufgeführt, und natürlich ist diese Auswahl subjektiv. Eine besonders hübsche Verwandte von Sempervivum sollte in einer Sammlung nicht fehlen, die Himalaja-Hauswurz, Sempervivellaalba. In ihrem Habitus ähnelt sie kleinrosettigen Hauswurz-Formen, wie auch der lateinische Name Sempervivella alsVerkleinerungsform von Sempervivum zu verstehen ist. Neben den kleinen, dichtgedrängten, aber einzeln nicht so dicht geschlossenen Rosetten, sind hier die kurzgestielten und auffällig großen weiß- bis cremefarbenen Blüten mit 6-8 sternförmig ausgebreiteten Kronenblättern die Attraktion. Sie erscheinen regelmäßig gegen Ende des Sommers, wenn die meisten Steingartenpflanzen in dieser Hinsicht nichts mehr zu bieten haben. Die sehr ähnliche Art, S. sedoides, zeigt kaum Unterschiede, nur die Blüten sind etwas größer, und die Pflanzen selbst sind blühwilliger und deshalb noch besser für den Garten geeignet. Sempervivella wächst rasenartig und lässt sich durch Abtrennen von einzelnen oder mehreren bewurzelten Rosettenleicht vermehren. An den Boden werden auch von dieser Art keine besonderen Anforderungen gestellt, nur gut durchlässig sollte er sein. Leider ist die Himalaja-Hauswurz nicht ganz winterhart und benötigt in strengen Wintern einen Schutz, auch vor Winternässe.
Die Hauswurzgewächse sind in erster Linie für den Steingarten und das Alpinum geeignet. Mauern, Dächer, größere Steine sowie Mauer- und Steinfugen sind keine Hindernisse, und schließlich sind alle möglichen Pflanzgefäße gut brauchbar. Größere Arten und Formen passen gut in eine entsprechende Rabatte oder auf ein Grab bzw. sind sehr gut zur Randbepflanzung, beispielsweise bei Steinkanten geeignet. Für die Dachbegrünung ist die Dachwurz bei den dünnen Substratschichten geradezu geschaffen. Auch in Pflanzungen mit intensiven und extensiven Bereichen sind die Hauswurz-Arten gut zu verwenden, nur ist in den Randbereichen darauf zu achten, dass sie nicht überwuchert werden (z.B. Sedum!), denn das mögen sie überhaupt nicht. Da die meisten für den Garten geeigneten Arten, Naturhybriden und Sorten in Staudengärtnereien leicht zu beschaffen sind, wird sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene die Beschäftigung mit diesen interessanten und hübschen "Überlebenskünstlern" stets ein spannendes Erlebnis sein.

Dr. Werner Mischke

Mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlagsgesellschaft mbH., Kaiserstr. 77, 66133 Saarbrücken-Scheidt, Tel. 0681-812040, Fax 0681-812040. Erschienen in den November-Ausgaben 2002 der Verbandszeitschriften "Unser Garten", "Der Hess. Obst- und Gartenbau" und "Ratgeber für den Gartenliebhaber".

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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