Herbst

Obstgehölzschnitt

Grundlagen und Hintergrund

Bokashi-Saft

« „Gekappte“ Obstbäume treiben im oberen Bereich stark und dicht; die Basis verkahlt

Obstgehölze müssen fachgerecht geschnitten werden, damit sie jedes Jahr gesunde, voll ausgereifte Früchte ausbilden. Licht und Luft muss ins Innere der Baumkronen und Sträucher gelangen. Dann bilden sich Blüten; lassen sich Verkahlungen verhindern und Triebe, Früchte sowie Blätter werden durch schnelleres Abtrocknen gestärkt: so sind sie weniger anfällig gegenüber Schaderregern oder Winterfrösten. Ohne Schnitt verlagert sich zudem die Ertragszone eines Baumes mit zunehmendem Alter nach außen, was die Ernte erschwerert und gefährlicher macht. Durch regelmäßige Eingriffe bilden sich Neutriebe und Fruchtholz auch in unteren Kronenbereichen – selbst bei großen Bäumen.

Obstgehölze fruchten zwar auch, wenn (größere) Schnittmaßnahmen über mehrere Jahre unterbleiben. Dadurch nimmt die Vergreisung der Bäume aber deutlich zu, die Neutriebbildung fehlt; Vitalität und Fruchtqualität nehmen ab und das unregelmäßige Ertragsverhalten (Alternanz) verstärkt sich, vor allem beim Kernobst. Schwierig sind insbesondere Jahre wie 2018: Die Obstbäume haben stark gefruchtet, fast kann von einem Überbehang gesprochen werden, was für die Bäume Stress bedeutet. Insbesondere in Verbindung mit der lang anhaltend trockenheißer Witterung. Für solche Jahre sind gut gepflegte und richtig geschnittene Bäume besser gewappnet.

Bild 2« Langer, nicht eingekürzter und durch Flachstellen mit vielen Blütenknospen besetzter Zwetschenzweig

Doch bevor man sich, besonders bei Halb- und Hochstämmen mit Rundkronenerziehung und Ausbildung entsprechend ausladender Kronen, Gedanken über die jährlichen Pflegeschnitte macht, muss für ein stabiles, tragfähiges Astgerüst gesorgt werden. Der Pflanzschnitt und die Jungpflanzenerziehung spielen eine wichtige Rolle. Mit dem Pflanzschnitt wird der Grundstein für die künftige Entwicklung des Obstbaums gelegt, Struktur und Habitus werden vorgegeben. Fehler beim Pflanzschnitt sowie bei den wichtigen Schnitteingriffen in den ersten Jahren lassen sich später kaum oder nur schwer korrigieren. Je nach Baumerziehung unterscheiden sich die Schnitteingriffe in den ersten Jahren in der Vorgehensweise und der Intensität.

Bild 3Vorne eng anliegende Blattknospen; im zweijährigen Bereich runde, abgespreizte Blütenknospen »

Wichtige Begriffe kurz erklärt

Fruchtholz bildet sich bei den meisten Obstarten am zweijährigen Holz – entweder direkt am Trieb oder als abstehende Kurztriebe. Blütenknospen sind rund und abgespreizt angeordnet, während die schmaleren spitzen Blattknospen eng am Trieb anliegen. Kernobst und Süßkirsche blühen überwiegend im zwei- und mehrjährigen Bereich. Apfel und Birne können auch vereinzelt Blüten am Neutrieb und als Endknospe anlegen. Die Süßkirsche bildet mehrere Blütenknospen im Büschel (Bukettknospen) aus.

Bild 4« Zweijähriger Süßkirschentrieb mit in Büschel angeordneten Blüten: sog. Bukettknospen

Pfirsich und einige Sauerkirschsorten (u.a. 'Schattenmorelle', 'Gerema', 'Safir') tragen am einjährigen Holz, sodass sie jährlich und intensiv zu schneiden sind. Zwetschen, Aprikosen, spezielle Sauerkirschen wie 'Achat', 'Morina' oder 'Morellenfeuer' legen Blüten an neuen und älteren Trieben an.
Da die Fruchtqualität an älterem „Quirlholz“ (über mehrere Jahre tragende, veraltete Fruchtspieße) nachlässt, muss dieses sukzessiv herausgenommen werden.

Die Kenntnis des Fruchtholzbesatzes ist in Bezug auf die Schnittintensität wichtig: verhaltener Eingriff bei keinen bis wenigen Blütenknospen bzw. stärker Eingriff bei sehr zahlreichem Besatz.

Bild 5Wasserschosse gilt es rechtzeitig zu entfernen, am besten durch den „Juniriss“ »

Wasserschosse ist eine Bezeichnung für starkwüchsige einjährige, sehr lange, „mastige“, aus dem Inneren der Krone steil nach oben dem Licht zustrebende Triebe mit weitem Internodienabstand.

Bild 6«  Ableiten öffnet die Krone und entnimmt stärkere, wüchsigere Triebe

Sie werden komplett auf Astring abgeschnitten ohne dass ein minimaler Stummel verbleibt. Um schlafende Augen mit zu erfassen empfiehlt sich ein Riss bereits im Juni bis August.

Wuchs- und Schnittgesetze: Ein starker, kräftiger Rückschnitt führt zu einem starken, intensiven Neutrieb. Dies wird zu einem verstärkten Austrieb älterer bzw. vergreister Gehölze genutzt. Auch bei der Rundkronenerziehung junger Bäume, vor allem von schwächer wachsenden Sorten oder bei grenzwertigen Standorten wird derart vorgegangen. Andererseits löst ein schwacher Rückschnitt ein mäßiges Wachstum aus. Bei sehr wüchsigen Sorten wie 'Boskoop' oder 'Jakob Fischer' führt ein schwach ausgeführter Pflanzschnitt zwar zu mehreren, jedoch schwächeren Neutrieben.
Bild 7Bild 8«  Die sogenannten Schlafenden Augen am Astring sollten beim Schnitt entfernt werden

Besonders bei wuchsstarken Sorten ist immer wieder festzustellen, dass diese (zu) viel und intensiv geschnitten werden, was zur Folge hat, dass derartige Bäume sehr heftig austreiben und dann wiederum mit massiven Schnitteingriffen behandelt werden. So wird stets das bei starkwüchsigen Sorten ohnehin starke vegetative Wachstum zusätzlich angeregt; der Baum kann sich nicht beruhigen. In solchen Fällen gilt es, nicht benötigte, vor allem die nach innen und steil nach oben wachsenden Triebe im Juni auszureißen (Sommerriss). Die flacheren, nach außen zeigenden Jungtriebe werden formiert, sodass sich in der kommenden Saison Blüten anlegen können. Ein früh einsetzender Behang hilft das starke Jugendwachstum zu bremsen.

Bild 9Wiederholtes Einkürzen bei stark geschnittener, verdichteter Krone hält den Baum enorm triebhaft und muss korrigiert werden »

Auch der Zeitpunkt des Schnittes wirkt sich auf die Triebkraft aus. Ein früher Schnitt im Dezember oder Januar löst einen stärkeren Neuaustrieb aus, als derselbe Schnitt erst im März ausgeführt. Ein früher Winterschnitt sollte ohnehin unterbleiben, da durch offene Wunden, die lange Zeit offen bleiben ein Befall durch Schaderreger begünstigt wird. Ein Winterschnitt regt immer zu verstärktem Wachstum an. Wohingegen der Sommerschnitt/ -riss (Juni bis Anfang September) das Wachstum eher beruhigt.

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Bild 11 «  Beim Sommerriss werden Schlafende Augen gleich entfernt. Risse verheilen besser und überwallen rasch

Spitzenförderung, Formieren, Triebberuhigung: Augen an der Spitze (im oberen Drittel) von Trieben, besonders an steil stehenden Trieben, treiben und wachsen am stärksten (Spitzenförderung). Bei einer flachen Aststellung entwickeln sich die oberseitigen Knospen und Triebe weitgehend „gleichrangig“ (Oberseitenförderung); sie treiben bzw. wachsen nicht mehr stark und bilden kurze Triebe mit Blüten. Nach außen zeigende einjährige Triebe werden durch Formierhilfen (Gewichte, Astklammer, Spreizholz, Schnüre) flach gestellt und nicht eingekürzt. Nun können sich durch die Oberseitenförderung im Folgejahr Blüten anlegen.
Mit zunehmendem Behang senken sich diese Fruchtäste, sodass sich am höchsten Punkt (Scheitel) wieder längere Neutriebe bilden („Scheitelpunktförderung“). Dort kann man die nach unten hängenden Fruchtäste, welche kleineres Obst bringen und die Belüftung einschränken, abschneiden („aufleiten“).

 Bild 12Ohne Schnitt vergreisen die  unteren Bereiche und die Ertragszone verlagert sich nach oben »

Formieren ist eine Möglichkeit, das (starke) Triebwachstum in die ruhige (generative) Phase umzulenken. Dies erweist sich beim Kronenaufbau junger Bäume, besonders bei der Erziehung zur Spindel und zu Spalieren, als sinnvolle Maßnahme. Ältere Bäume werden nicht mehr formiert. Hier können durch den Schnitt die vorhandenen flachen Zweige gefördert werden. So entstehen durch „Nichteinkürzen“ langer einjähriger Triebe in den kommenden 1 bis 2 Jahren flache Seitenverzweigungen, über denen dann die Schere ansetzt. Durch das „Ableiten“ werden auf diese Weise zu lange, zu hohe, zu breit ausladende Äste und Triebe reduziert. Dabei nehmen die nach außen weisenden Seitentriebe die Wuchskraft auf. Es erfolgt kein unkontrolliert starker Neuaustrieb wie es der Fall wäre, wenn man die zu langen Triebe einfach eingekürzt hätte. Das Ableiten dient der Triebberuhigung und hält das Obstgehölz im Gleichgewicht.

 

 

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Mit Gewichten unterschiedlicher Art können Obstbäume formiert werden, die Triebe werden flacher gestellt

 

Hubert Siegler
Bayerische Gartenakademie LWG Veitshöchheim
Fotos:
Siegler (5), Buchter-Weisbrodt (10)
Quelle:
Diese Artikel sind in den Verbandszeitschriften „Unser Garten“, „Der Hessische Obst- und Gartenbau“ und „Ratgeber für den Gartenliebhaber“ (Oktober2019) erschienen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlag GmbH, Kulturzentrum Bettinger Mühle, Hüttersdorfer Straße 29, 66389 Schmelz, Telefon 06887 / 90 32 99 9, Telefax 06887 / 90 32 99 8,
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