Sommer

Obstgehölzschnitt Spindel: Erziehung und Schnitt

Obstbau

Bokashi-Saft

« Kirschen-Spindel 5. Jahr

Für die Erziehungsform Spindel bieten sich idealerweise Buschbäume mit Stammhöhen von 60 bis 80 cm auf schwachen, ggf. mittelstarken Veredlungsunterlagen an. Im Gegensatz zu Halb- und Hochstämmen mit Rundkronen können Spindelbäume im Garten enger gepflanzt werden. Sie kommen mit Pflanzabständen von 2 bis 3 m bei Kernobst und 3 bis 4 m bei Kirsche oder Zwetsche zurecht und so finden mehrere Bäume einer oder auch verschiedener Obstarten Platz. Auf die Grundfläche einer Rundkrone von 8 m Durchmesser mit ca. 50 m² passen theoretisch 7 als Spindel erzogene Bäume (schwache Unterlagen) mit je 3 m Durchmesser bzw. je 7 m² Grundfläche. Im Erwerbsobstbau werden die Bäume recht dicht, mit sehr engen Distanzen gepflanzt, im Hausgarten sollte mit weiteren Abständen gearbeitet werden, damit der Schnitt auf Grund der pyramidalen Wuchsform nicht allzu intensiv ausfallen muss. Außerdem sorgt eine gute Belichtung und Belüftung für weniger Schattenfrüchte und geringeren Pilzbefall.

Tabelle

Seit ca. 25 bis 30 Jahren finden auch schwachwuchsinduzierende Unterlagen aller Baumobstarten stärkeren Einzug in die Haus- und Kleingärten. Diese sorgen in Kombination mit der Spindelerziehung („dem Profi-Obstbauer nachgemacht“) für kleine Baumformen. Sie kommen früh in den Ertrag, liefern gute Fruchtqualitäten, lassen sich leichter, v.a. bequemer ernten und schneiden oder auch mit Netzen schützen. Diese Vorteile überwiegen gegenüber den Nachteilen wie begrenzter Lebensdauer, ausreichender Bewässerung bei Trockenheit, lebenslanger Stützpfahl für Apfel, Birne und den empfehlenswerten Einsatz von Drahtkörben gegen Wühlmäuse (v.a. beim Apfel).

Spindelerziehung hält Buschbäume klein

Von der Spindel gibt es viele Variationen. Gute Erfahrungen liegen in der Lehranstalt Veitshöchheim mit dem „Central-leader“-system vor, das der ehemalige Kreisfachberater für Obstbau am Landratsamt Forchheim, Tobias Vogel, entwickelt hatte und das besonders bei Steinobst von der Obstpraxis übernommen wurde. Diese Form, die sich auf alle Baumobstarten übertragen lässt, bedeutet sinngemäß, dass die Mittelachse des Baumes (der Stamm) dominiert – die Seitenäste jedoch schwach im Wuchs und somit untergeordnet sein sollen. Dies erreicht man, indem man die Seitenäste formiert, d.h. waagerecht stellt im Astabgangswinkel von ca. 75 bis 80° (90° muss nicht sein, denn der Fruchtbehang drückt nach unten. Außerdem geht die Wuchskraft bei 75 bis 80° nicht gegen null). Entgegen früher üblicher Praxis werden die flach gestellten Seitenäste nicht eingekürzt, was wiederum die Blütenknospenbildung anregt. Dadurch vermindert sich zugleich das vegetative (Trieb-) Wachstum. Außerdem schlitzen flache – im Gegensatz zu steil abgehenden Ästen – nicht aus und die Gefahr der Gummiflussbildung bei Steinobst wird ebenfalls deutlich reduziert. Die Seiten-(Frucht-)äste zeigen „wie eine Tanne“ in alle Richtungen. Typisch für diese Central-leader-Form ist auch eine etagenförmige Astserie in pyramidal aufgebauter Krone, welche eine gute Belichtung – und somit Vitalität – der basalen Äste gewährleistet. Eine Überbauung der Spitze gilt es durch Ableiten zu hoher bzw. zu langer Triebe zu vermeiden. Durch den etagenweisen Aufbau gelangt Licht und Luft bis zur Mitte des Baumes.

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Spindel vor dem Anschnitt

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Spindel nach dem Anschnitt

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Mitteltrieb einer junger
Spindel mit ausgebrochenen
Konkurrenzknospen
und formierter junger
Seitentriebe

Grafik1

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Behandlung je nach Baumqualität

Topazspindel auf M9 im 3. Standjahr »Siegler 3

Für die Spindelerziehung gut geeignet sind zweijährige, bereits gut verzweigte Veredlungen auf den aufgeführten Unterlagen (Veredlungsstelle ca. 15 bis 20 cm über dem Wurzelhals). 3 bis 4 nicht zu starke Seitentriebe, die sich möglichst in 60 bis 80 cm Höhe befinden sollten, werden flach gestellt. Dies kann mit kleinen Gewichten, Schnüren oder Astklammern erfolgen. Astklammern hat man früher selbst aus Draht gebogen. Heute gibt es diese aus Kunststoff (z.B. Astfix) im Handel. Schnüre befestigt man am äußeren Drittel des Seitenzweiges und das andere Ende am Stamm. Hinweis: wegen der Gefahr des Einwachsens die Knoten nicht zu eng zurren bzw. die Schnur nach 1 Jahr entfernen. Der Konkurrenztrieb muss stets weggeschnitten werden. Der Mitteltrieb wird nur eingekürzt, wenn seine Länge mehr als 70 bis 80 cm über dem obersten der flach gestellten Seitentriebe misst. Ansonsten bleibt er wie die flach gestellten Verzweigungen ungeschnitten. Damit keine steil und stark wachsenden Neutriebe an der Mittelachse entstehen, werden dort ca. 4 bis 5 Konkurrenzknospen unterhalb der Mittelknospe mit dem Finger ausgebrochen (unabhängig davon, ob ein Anschnitt der Mitte erforderlich war oder nicht). Dies geschieht ca. Mitte bis Ende März, wenn die Knospen angeschwollen sind.
Haben Sie einen Jungbaum ohne bzw. mit nur 1 bis 2 Seitentrieben erworben, so gehen Sie wie folgt vor: Die 1 bis 2 Seitentriebe werden bis auf einen kleinen Stummel, der nur auf der Unterseite ein nach außen zeigendes Auge aufweist, abgeschnitten. An diesem Auge entsteht im 1. Standjahr in der Regel ein flacher Seitentrieb. Die Mitte wird in ca. 1 bis 1,25 m Höhe angeschnitten; 3 bis 4 der obersten Knospe folgende Augen werden weggebrochen, so dass neue Seitentriebe in 70 bis 90 cm Höhe entstehen können.

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« Zwetsche 'Toptaste' , Spindelerziehung im 4. Standjahr

Trick: Wäscheklammermethode

Dem Ziel, flach wachsende Seitentriebe zu erhalten, muss nachgeholfen werden. Am einfachsten geschieht dies, wenn der Neuaustrieb 5 bis max. 7 cm („so lang wie eine Wäscheklammer“) gewachsen ist. Dann wird über diesem jungen Seitentrieb vorsichtig eine Wäscheklammer waagrecht angebracht. Diese drückt den krautigen Neutrieb flach, so dass dieser im ca. 90°-Winkel abgeht, was dessen Wuchskraft bremst. Längere Seitentriebe können von den Wäscheklammern nicht mehr nach unten gedrückt werden – hier müssten Schnüre oder Astklammern vorsichtig angebracht werden. Wäscheklammern haben den Vorteil, dass sie Unterschlupf für Ohrwürmer bieten, die dann zugleich Blattläuse an den Jungtrieben verzehren. Nach 4 Wochen kann die Wäscheklammer entfernt und als kleines Gewicht an die Seitenzweigspitze gehängt werden.

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Durch Ableiten klein und schmal gehaltene Süßkirschenspindel »

Behandlung nach dem 1. Standjahr

Der Neuzuwachs der Mitte wird angeschnitten, wenn dieser mehr als 60 bis 70 cm beträgt. 3 bis 4 nach unten folgende Augen werden wieder ausgangs des Winters weggebrochen. Die verbleibenden Knospen des Mitteltriebes treiben aus und werden im Mai wiederum „geklammert“. Entfernen sie spätestens jetzt auch die Schnüre des Vorjahres!
Die nächstfolgende, 1 Jahr jüngere Triebetage ist schmaler als die im Vorjahr gewachsene. So entsteht ein pyramidenförmiger Aufbau. Seitentriebe bleiben weiterhin ungeschnitten.
In den nächsten 2 Jahren verfährt man am besten noch ebenso. Dann ist die Jugendphase abgeschlossen.

Rückschnitt

Sobald der Baum nach einigen Jahren doch zu hoch geworden ist (z.B. 3,50 m), wird der Mitteltrieb über einem flachen Seitentrieb abgenommen (abgeleitet). Wenn dies bei Steinobst bereits zur Ernte erfolgt, entsteht im Folgejahr ein moderater Neuaustrieb an der Mittelachse. Nach der Ernte können auch zu lange und hoch wachsende Seitentriebe zurück genommen werden. Achten Sie stets auf stark wachsende Seitenäste, da sie in der Wuchskraft gefördert werden, sich stärker verzweigen und die Krone verdichten: Nach Fritz Zahn, dem ehemaligen Obstbau- fachberater an der Niederelbe, dürfen sie maximal halb so stark sein wie der Durchmesser der Mittelachse an der Stelle, an der die Verzweigung entstanden ist. Keine Angst, wenn Sie dadurch einen „schönen Ast“ opfern müssen! Durch die bessere Belichtung im Kroneninneren können schlafende Augen am Stamm zum Neuaustrieb angeregt werden. Entfernen Sie nicht zu viel Holz auf einmal – verteilen Sie stärkere Schnitteingriffe auf mehrere Jahre! Dadurch bleibt der Baum im Gleichgewicht. Achten Sie stets darauf, dass keine überbauten Kronen entstehen und halten Sie die Pyramidenform ein (unten breit – oben schmal). Dann werden Sie viel Spaß mit den kleine(re)n Obstbäumen auch in Ihrem Garten haben, vor allem dann, wenn Sie bei der Sortenwahl berücksichtigen, dass frühreifende Süßkirschen wie 'Burlat', 'Johanna', 'Merchant', 'Celeste' (= zudem selbstfruchtbar) madenfrei bleiben bzw. bei Äpfeln auf schorftolerante Sorten zurückgreifen!

Hubert Siegler,
Bayerische Gartenakademie LWG Veitshöchheim

Quelle:
Diese Artikel sind in den Verbandszeitschriften „Unser Garten“, „Der Hessische Obst- und Gartenbau“ und „Ratgeber für den Gartenliebhaber“ (Dezember 2019) erschienen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlag GmbH, Kulturzentrum Bettinger Mühle, Hüttersdorfer Straße 29, 66389 Schmelz, Telefon 06887 / 90 32 99 9, Telefax 06887 / 90 32 99 8,
www.unsergarten-verlag.de

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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