Sommer

Obstgehölzschnitt Rundkronen bei Hoch- und Halbstämmen

Obstbau

Bokashi-Saft

« Eine gute Hochstammstammqualität bietet optimale Leitäste (Foto: Siegler)

Obstbäume werden ganz unterschiedlich geschnitten und können zu verschiedenen Baumformen erzogen werden. Allerdings kristallisieren sich je nach Unterlage zweckmäßige Schnittformen heraus.

Rundkronen bieten sich für Halb- und Hochstämme auf starkwachsenden Unterlagen (Sämlinge aller Obstbaumarten, bei Apfel auch die Unterlagen M25 und A2; bei Pflaumen/Zwetschen auch Myrobalane) an. Denkbar sind auch Spalierformen und, eher theoretisch, kommen auch Spindelformen in Frage. Wer sich bei stark wachsenden Unterlagen aber dafür entscheidet, muss sich aber darüber im Klaren sein, dass durch die starke Wuchskraft der Unterlagen ein erheblichen Schnitt-, Formier- und Bindeaufwand betrieben werden muss.

Für Buschbäume auf schwachen Veredlungsunterlagen hingegen ist die Spindelerziehung prädestiniert. Spalierformen wären möglich, jedoch dann mit begrenzter Lebensdauer. Für längere Standzeiten der oft mit viel Aufwand erzogenen Spaliere sind mittelstarke Unterlagen von Vorteil.

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Pflanzschnitt mit 4 Leitästen. Die 2 verbliebenen dünneren Trieben fungieren als Fruchtäste und  könnten ebenfalls entfernt werden (Foto: Siegler) »

Pflanzschnitt für die Rundkronenerziehung

Ohne Pflanzschnitt bilden die oft starken, vielfach steil stehenden Triebe des Jungbaums eine dichte Krone mit langen, dünnen Ästen und nur verminderter Verzweigung: ausreichendes Fruchtholz fehlt. Außerdem vergreist der Baum; die dichte Krone fördert (Pilz-) Krankheiten und Schattenfrüchte. Die daraus resultierende ungünstige Grundstruktur lässt sich auch später kaum oder nur mit viel Aufwand verbessern. Steile Äste neigen darüber hinaus zum Ausschlitzen und bei Steinobst zu stärkerer Bildung von Gummifluss.

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5. Standjahr vor dem Schnitt
(Foto: H. J. Bannier)

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5. Standjahr nach dem Schnitt
(Foto: H. J. Bannier)

Der Anschnitt der Kronentriebe zur Pflanzung ist aus mehreren Gründen wichtig. Er stellt wieder ein Gleichgewicht zwischen oberirdischen Baumteilen und dem Wurzelkörper her, da durch das Roden wurzelnackter Gehölze ein Großteil der Wurzeln entfernt wurde. Auch bei der Anzucht in (Groß-) Containern besteht ein Missverhältnis. Besonders wichtig ist, dass durch Pflanzschnitt und Erziehung die Kronenform des Baumes festgelegt wird: neben dem Mitteltrieb mit drei oder vier Leitästen, die im 45 °-Winkel eine breitere Krone ausbilden im Vergleich zu einer Astabgangsstellung von 30 bis 35 °.

Siegler 2« Drei in Position gebrachte Leitäste auf Saftwaage angeschnitten; die Mitte eine Scherenlänge darüber (Foto: Siegler)

Bei stark wachsenden Obstarten bzw. Sorten und wüchsigen Standortbedingungen ist eine Krone aus 3 Leitästen, die als „Mercedes-Stern“ gleichmäßig verteilt angeordnet werden, zweckmäßig. Belichtung und Belüftung werden begünstigt und später das Anlegen der Leiter für Schnitt und Ernte vereinfacht. Rundkronen müssen das Gewicht größerer Mengen an Früchten tragen. Entsprechend starke Leitäste können nur durch mehrjähriges Anschneiden erzielt werden. Da beim Pflanzschnitt der Konkurrenz- und unpassende Seitentriebe entfernt werden, sollte eine gute Baumqualität aus mindestens 5, besser 6 bis 7 Verzweigungen bestehen. Die ausgewählten Leitäste, die möglichst nicht einem Quirl, sondern höhenversetzt entspringen, werden vor jeglichem Anschnitt erst in „Position“, also in gleiche Astabgangswinkel gebracht, um gleichmäßige Wuchskraft zu generieren. Dabei werden flachere Seitenäste hochgebunden, steile Seitenäste werden durch Abspreizen/Abbinden in die günstige 45 °- Position gebracht. Nun kann der berühmte Schnitt auf „Saftwaage“ erfolgen: um einen gleichmäßig starken Neuaustrieb zu erzielen, werden alle Leitäste auf derselben horizontalen Höhe auf ein nach außen zeigendes Auge angeschnitten.

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Ohne weiteren Erziehungsschnitt hat dieser Hochstamm lange, unstabile, mit überreichem Fruchtholz besetzte Triebe in dichter Krone ausgebildet (Foto: Siegler) »

Beim Abschneiden orientiert man sich am schwächsten Seitenast, der ca. ein Drittel zurückgenommen wird – bei schwach wachsenden Sorten bis zur Hälfte. Als weiteres Maß für den Rückschnitt kann man vom Stamm aus bis zur zehnten gut entwickelten Knospe zählen. Wichtiger als mit einer „visuellen Wasserwaagen“-Anschnitthöhe ist das nach außen gerichtete Auge. Dort darf wegen möglichen Eintrocknens nicht zu knapp und nicht zu schräg über der Knospe abgeschnitten werden. Der Mitteltrieb wird etwa eine Scherenlänge über den Seitenästen, die dann einen 120 °-Winkel bilden, eingekürzt. Bleibt die Stammverlängerung zu lang, wachsen die Leitäste auf Grund der einsetzenden Spitzenförderung der Mitte schwächer.

 

 

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« Eine locker aufgebaute Krone sichert gute Erträge. Hier ein ̕Topaz̕-Halbstamm im 7. Standjahr (Foto: Siegler)

Erziehungsschnitt in den Folgejahren

Auch wenn der Anschnitt auf Saftwaage fachgerecht durchgeführt wurde, kann der Neuaustrieb von Leitästen und Mitte ungleich erfolgen. Daher werden auch im 2., 3. und 4. Standjahr die Leitäste in eine 45 °-Position gebracht, auf gleicher Höhe eingekürzt und deren Konkurrenztriebe sowie nach innen wachsende Schösslinge am Astring entfernt. Nur tiefer stehende, nach außen gerichtete Zweige, bleiben. Sie werden jedoch nicht eingekürzt und ggf. durch Herunterbinden flach gestellt, sodass sie im laufenden und in den kommenden Jahren Fruchtholz bilden können. Fruchtäste dürfen Leitäste nicht überragen! Die jährlich analoge Behandlung mit Anschnitt der Leitastverlängerungen (auf „Saftwaage“) und des Mitteltriebes wird solange fortgesetzt, bis eine gleichmäßig ausgebildete, ausreichend stabile, dennoch durch Entfernen von Wasserschossen und der nach innen wachsenden Triebe „luftige“ Krone entstanden ist.

Inzwischen sollte genügend Fruchtholz entstanden sein: guter Ertrag bremst das vegetative Wachstum zusätzlich. Nun beginnt die Phase des „ruhigeren“ Baumes.

Früher wurde zum Teil auch eine zweite Leitast-Ebene angelegt, deren Hauptäste kürzer und in Lücke zur unteren Partie angeordnet sein mussten. Dies führte zwangsläufig zu dichteren, schlecht belichteten Kronen und erhöhtem Schnittaufwand. Da die Nachteile überwiegen, kann auf diese zweite Etage verzichtet werden.

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Bei dieser Birne wurde nicht
formiert, sie wächst zu steil
(Foto: Buchter-Weisbrodt)

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Ständiges Einkürzen der Triebe führt zu
dichten Kronen. Früchte bleiben meist
aus (Foto: H. J. Bannier)

Eine abgewandelte Erziehungsmöglichkeit von rundkronigen Halb- und Hochstämmen ist die Hohlkrone, bei welcher der Mitteltrieb herausgenommen wurde. Die Leitäste bilden eine „schüsselförmige“, in der Natur nicht vorkommende und somit atypische Kronenform, die höchstens bei lichtbedürftigen Obstarten wie Pfirsich und Aprikose eine gewisse Berechtigung hat. Bei Apfel, Birne, Zwetschen und Kirsche wirkt die Hohlkrone doch sehr fremd. Außerdem neigen die Seitenäste dazu, nach innen zu wachsen und die Lücke der fehlenden Mitte zu schließen.

Überwachungs- und Pflegeschnitt

Der Baumaufbau ist abgeschlossen; die Ertragsphase hat bereits eingesetzt. Triebe werden jetzt kaum noch angeschnitten. Es gilt, sich überlappende oder kreuzende, sowie kranke und nach innen wachsende Teile zu entfernen. Hängendes Fruchtholz, welches am Scheitelpunkt neue Verzweigungen auslöst, wird an diesen Stellen abgenommen („aufgeleitet“). Dies fördert neben der Qualität des Obstes die Belichtung und Durchlüftung.

Ein wichtiges Augenmerk ist auf eine oft vorhandene Überbauung der Baumspitze zu legen. Außerdem dürfen am Mitteltrieb nicht zu viele Verzweigungen verbleiben. Diese sollten locker angeordnet sein, bei möglichst flachem Astabgang. Wird die Krone zu hoch und zu breit, kann ihr Ausmaß durch Ableiten bereits rechtzeitig – mit dann noch kleinen und besser verheilenden Schnittwunden – reduziert werden. Das oft durchgeführte Einkürzen („schnippeln“) muss ebenso unterbleiben wie Schnitte auf Stummel. Beides führt nur zu dichten, wüchsigen Kronen, die wiederum mit erheblichem Zeitaufwand korrigiert werden müssen.

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70-jähriger Boskoop: lockere Krone nach
fachgerechtem Schnitt (Foto: Siegler)

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Im Sommer nach fachgerechtem Schnitt:
Vollbehang und keine Wasserschosse!
(Foto: Siegler)

Ein gutes Motto lautet: Triebe entweder ganz entfernen oder lang lassen (nicht einkürzen!). Sinnvoll ist es, jährlich nur die notwendige Auslichtung vorzunehmen, was den Baum in seinem Gleichgewicht hält, als alle 5 bis 6 Jahre „Hauruck“-Aktionen durchzuführen, welche dann stärkere Eingriffe erfordern.


Gute Informationen liefert die Video- Schnittserie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), 53179 Bonn: https://www.youtube.com/watch?v=I4hOfziM-Rs.


Neben den Grundlagen werden in weiteren Beiträgen Pflanz- und Erziehungsschnitt, Maßnahmen zur Erhaltung und Verjüngung älterer Bäume, sowie der Sommerschnitt praxisnah vorgeführt.

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In der Ertragsphase werden die Triebe nicht mehr
angeschnitten, überlappende oder kreuzende und
nach innen wachsende Äste werden entfernt
(Foto: Siegler)

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Auch hängendes Furchtholz wird am
Scheitelpunkt abgenommen, Licht und Luft
muss in die Baumkrone (Foto: Siegler)

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Dieser Apfelhochstamm hat einen optimalen
Baumaufbau (Foto: H. J. Bannier)

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Sinnvolle Überwachungs- und Pflegeschnitte
sichern nun einen regelmäßigen Ertrag
(Foto: H. J. Bannier)

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« Alter Birnbaum ein Jahr nachdem ein fachgerechter Schnitt
ausgeführt wurde (Foto: Siegler)

Verjüngungsschnitt

Wurden Bäume nicht regelmäßig oder fehlerhaft geschnitten oder sogar falsch erzogen, ist die Struktur des Baumes kaum mehr sichtbar. Kronen sind dann oft ungleich ausgebildet, vor allem aber zu hoch, zu dicht, überbaut, mit beginnender Verkahlung und hängendem Holz. Die allgemeine Vitalität des Baumes lässt ebenso nach wie die Fruchtqualität durch altes, vergreistes Fruchtholz mit schwachen, unterernährten Blütenknospen. Nun müssen gezielte Schnitteingriffe für Abhilfe sorgen.

Siegler 11« Zu dichte Krone: Nach starkem Schnitt darf die Nachbehandlung, bestenfalls gleich im Sommer, nicht vernachlässigt werden (Foto: Siegler)

Für die Wiederherstellung einer intakten Baumform sollten Sie dabei mehrere Jahre einplanen. Sägen Sie zunächst im Spitzenbereich einige sehr lange, ausladende sowie senkrecht wachsende, etwa gut armstarke Triebe an ihren Ansätzen oder über einer basisnahen Verzweigung ab. Dies kann bei Kirschen, Mirabellen, Frühzwetschen, Aprikosen und Pfirsichen bereits zur Ernte erfolgen, wo praktischerweise die Leiter bereits angelegt ist. So kann das Pflücken der Früchte bequemerweise am Boden erfolgen. Bei guter Schnittführung und ggf. Nachbehandlung (z.B. Schnittränder mit Messer/Hippe glätten) verheilen die Wunden bei dieser Sommeraktion besser und beruhigen das Wachstum. Dabei gilt es, sehr große Schnitt- und Sägestellen z.B. durch Ableiten zu verhindern, gezielt zu arbeiten und einen starken Rückschnitt großer Kronen nicht in einem Mal durchzuführen. „Mit wenigen Schnitten – viel erreichen“ lautet die Devise!

Siegler 12Kappschnitt ohne Nachbehandlungen in den Folgejahren führt wieder zu hohen
und dichten Kronen (Foto: Siegler) »

Beim notwendigen Auslichten werden hängende, überlappende wie auch kranke Triebe entfernt. Weitere größere Eingriffe erfolgen dann in den nächsten Jahren. So treibt der Baum jeweils moderat, bleibt in seiner Form und seinem physiologischen Gleichgewicht –zumindest weitgehend.

Der Verjüngungsschnitt soll das vegetative Wachstum anregen. Wasserschosse wie auch unerwünschte, nach innen strebende Triebe empfiehlt es sich, bereits im Juni auszureißen. Stehen bleiben nach außen gerichtete Jungtriebe, an denen sich später neues Fruchtholz bildet. Somit wird auch die Ertragszone in tiefere Kronenpartien verlagert.

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Alles richtig gemacht! Man darf sich auf
die Ernte freuen (Foto: H. J. Bannier)

Hubert Siegler,
Bayerische Gartenakademie LWG Veitshöchheim

Quelle:
Diese Artikel sind in den Verbandszeitschriften „Unser Garten“, „Der Hessische Obst- und Gartenbau“ und „Ratgeber für den Gartenliebhaber“ (November 2019) erschienen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlag GmbH, Kulturzentrum Bettinger Mühle, Hüttersdorfer Straße 29, 66389 Schmelz, Telefon 06887 / 90 32 99 9, Telefax 06887 / 90 32 99 8,
www.unsergarten-verlag.de

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

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