Herbst

Was geht Gartenbauvereine die lokale Agenda 21 an?

Agenda 21, ein geheimnisvoll erscheinender Begriff! Agenda kommt aus dem Lateinischen agere und heißt: tun, handeln, vorantreiben. Wir kennen das Wort auch von agieren. Und schon wird der Sinn deutlich: "Was also zu tun oder voranzutreiben ist". Und die 21 steht für das vor uns liegende 21. Jahrhundert.

Damit werden wir aber der Verantwortung gegenüber der Bevölkerung ärmerer Länder und vor allem nachfolgender Generationen nicht gerecht! Das Ziel ist, die Güter dieser Erde nachhaltig und sinnvoll zu bewirtschaften, nicht auf Teufel komm raus zu verwirtschaften. Um das zu erreichen, ist es notwendig, daß wir unser Handeln und Wirtschaften auf den Dreiklang Ökologie, Ökonomie und Soziales ausrichten. Das heißt, wir müssen uns stets die Frage stellen, ob das, was wir tun, nicht nur wirtschaftlich sondern auch naturverträglich ist und ob es der Gesellschaft dient oder schadet.

Die Lokale Agenda wendet sich an Städte und Gemeinden. Diese sollen die Agendaprozesse ins Leben rufen, koordinieren und letztlich auch umsetzen. Prima, sollen sie machen! Hat niemand etwas dagegen! Aber was geht das uns Kleingärtner an, wird der geneigte Leser vielleicht denken? Eine ganze Menge, meine ich, denn woraus besteht denn eine Gemeinde, die Gesellschaft? Das wird im Kapitel 23 der Agenda von Rio ausdrücklich festgehalten. Dort wird die Bedeutung gesellschaftlicher Gruppen an den Entscheidungsprozessen hervorgehoben. Sie sollen in die Gestaltung der Lokalen Agenda mit einbezogen werden. Ein Agendaprozeß wird sich nämlich nur dann umsetzen lassen, wenn alle Beteiligten davon überzeugt sind, daß es sich hierbei um einen gute Sache handelt.

"Jeder von uns hat, kurz gesagt, die Möglichkeit zu begreifen, daß auch er, sei er noch so bedeutungslos und machtlos, die Welt verändern kann. Jeder aber muß bei sich anfangen. Würde einer auf den anderen warten, warteten alle vergeblich." (Vaclav Havel)

Wenn also gesellschaftliche Gruppen in den Agendaprozeß eingebunden werden sollen, was stünde dem dann im Weg, unabhängig von Initiativen aus Gemeinde oder Verein, schon mal anzufangen und eine ganz persönliche Agenda anzugehen? Das sollte allerdings nach Möglichkeit nicht im "stillen Kämmerlein" erfolgen. Das aktive Vorbild scheint mir der beste Weg, die Einleitung eines solchen Prozesses in der Kommune anzuregen, v. a. aber in eine l(i)ebenswertere Zukunft.

Wie kann das geschehen?

  1. Schritt: Der Beschluss
  2. Schritt: Entwicklung eines Leitbildes
  3. Schritt: Bestandsaufnahme
  4. Schritt: Analyse
  5. Schritt: Formulieren von Zielen
  6. Schritt: Aktionsplan
  7. Schritt: Umsetzung
  8. Schritt: Überprüfung

Der Beschluss

"Wer zur Quelle kommen will, muß gegen den Strom schwimmen". (Anonymus)
Der Agendaprozeß ist grundsätzlich freiwillig. Es ist also die ich hier nicht genannt habe. Es soll ja auch eine persönliche Agenda sein! Und noch einmal: Ein Leitbild ist noch keine Zielsetzung! Hier sollen Sie alles sammeln, was Ihnen erstrebens- oder wünschenswert erscheint. Die Zielsetzung erfolgt an anderer Stelle.

Nach dem Motto

"Damit das Mögliche entsteht, muß immer wieder das Unmögliche versucht werden" (Hermann Hesse) kann es nicht schaden, Nachbarn, Vereinsvorstände, und, wer so weit gehen will, Bürgermeister und möglichst viele Stadt- bzw. Gemeinderäte anzusprechen und zum Mitmachen zu gewinnen. Hieraus kann kommunale Überzeugung und Hilfestellung erwachsen. Schon das Entwickeln des Leitbildes kann viel Spaß machen, besonders wenn es im Familien- und/oder Freundeskreis stattfindet. Ist das Leitbild erstellt, ist es dem Ist-Zustand gegenüber zu stellen. Hierzu dient die

Bestandsaufnahme

"Sehen um vorauszusehen, Voraussehen um voraus zu handeln." (Augustinus)

Dem gefundenen Leitbild ist die gegenwärtige Situation gegenüber zu stellen. Einige beispielhafte Fragen hierzu, die direkten Bezug zum eigenen Handeln haben, könnten lauten:

  • Wie ist die Beschaffenheit /der Zustand des Bodens in meinem Garten?
  • Wie ist der Zustand der Gewässer / des Grundwassers? Welchen Anteil habe ich daran?
  • Gebe ich mein Wissen an Jugendliche und Kinder weiter und versuche sie zu begeistern, damit sie auch soviel Freude am Gartenwesen haben wie ich?
  • Wie gehe ich, mit Ressourcen (z.B. Torf, Energie, Verpackungsmaterial) um?
  • Wie hoch ist der Grad der Bodenversiegelung in meinem Garten?
  • Wie groß ist der Anteil an naturnahen Lebensräumen?
  • Wie hoch ist der Anteil an heimischen Bäumen und Ziersträuchern?
  • Welchen Beitrag leistet mein Garten zum Biotopverbund? Kann ich ihn verbessern?
  • Wie ist die Kommunikation zwischen Alt und Jung? Was trage ich dazu bei?
  • Wie ist die Kommunikation zur übrigen Bevölkerung? Wie ist mein Beitrag dazu?

Um diese Fragen sachlich und (soweit möglich) emotionsfrei zu beantworten, sollten Sie Papier und Bleistift zur Hand nehmen und die erforderlichen Daten hierzu zusammentragen. Die Bestandsaufnahme hilft Ihnen, die Analyse der Situation von persönlich gefärbten Eindrücken oder Überzeugungen unbeeinflußt zu lassen. Sie vermeiden Fehleinschätzungen. Darüber hinaus sind auf ihrer Grundlage Ziele besser zu formulieren und Erfolge später leichter zu messen.

Analyse

"Berge, die man empor steigt, sind weniger steil, als sie aussehen". (Aus Savoyen)

Auf der Grundlage der Bestandsaufnahme ist zu analysieren, was die gegenwärtige Situation vom Leitbild trennt. Drei Fragen sind hierbei von besonderer Bedeutung:

  • In welchen Bereichen liegen die größten Widersprüche bzw. Defizite gegenüber dem Leitbild?
  • Welches sind die dringendsten Probleme in Bezug auf die Zukunftsfähigkeit?
  • Bei welchen Problemen kann am schnellsten, einfachsten und kostengünstigsten Abhilfe geschaffen werden?

Gerade die Beantwortung der letzten Frage scheint mir wichtig, da ein langewährender Prozeß von Zwischenerfolgen begleitet werden muß, soll die Motivation auf Dauer erhalten bleiben.

Formulieren von Zielen

"Von dem, was man heute denkt, hängt das ab, was morgen auf den Straßen und Plätzen gelebt wird." (José Ortega y Gasset)

Auf der Grundlage der Analyse sollen Ziele festgelegt werden. Wichtig ist dabei, nicht alles auf einmal angehen zu wollen. Das gibt zu große Durststrecken. Legen Sie Prioritäten fest und Termine, bis wann Sie ein Ziel erreicht oder umgesetzt haben wollen. Wenn Sie die Agenda im Familien- und/oder Freundeskreis erarbeiten, denken Sie bitte daran, daß es unbedingt notwendig ist, die Ziele im Konsens mit allen Beteiligten festzulegen. Jeder, der eine Maßnahme mit tragen soll, will und soll auch mit entscheiden dürfen.

Die Ziele sollen konkret formuliert werden - und zwar schriftlich. Konkret sind Ziele dann, wenn sie eindeutig meßbar bzw. definiert sind und eine klare Zeitvorgabe beinhalten. Die Formulierung darf nicht lauten, "was alles getan werden könnte", sondern "was zu tun wir uns vornehmen".

Aktionsplan

"Auch die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt" (Chinesisches Sprichwort)

Es ist hinlänglich bekannt: Auch die besten Zielvorstellungen bleiben auf der Strecke, wenn nicht von Anfang an festgelegt wird, welche Schritte bzw. Maßnahmen

  • von und mit wem
  • wie und womit
  • in welcher Reihenfolge
  • bis wann

zu erledigen sind.

Der Aktionsplan setzt Prioritäten und Schrittfolgen der einzelnen Umsetzungsmaßnahmen fest. Er enthält eindeutige Aussagen über Verantwortung, Kompetenzen, Aufgabenverteilung und Termine. Je genauer die Ziele und die damit verbundenen Einzelmaßnahmen beschrieben werden, desto realistischer wird der aufzustellende Terminplan sein können. Auf einhaltbare, realistische Zeitplanung sollten Sie dringend achten. Ansonsten besteht die Gefahr, die Motivation durch illusorische Vorgaben zu beeinträchtigen.

Der Aktionsplan hat noch weiteren Nutzen:

  • Mit ihm wird gleichzeitig das Ergebnis der bisherigen Arbeit dokumentiert.
  • Er wird für jedermann sicht-bar und nachvollziehbar ver-öffentlicht.
  • Die Beteiligten werden zur Umsetzung motiviert.
  • Alle haben später die Möglichkeit, zu überprüfen, ob die im Programm enthaltenen Ziele erreicht worden sind.

Umsetzung

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." (Erich Kästner)

Um dem bereits angesprochenen Motivationsschwund in einem langwierigen Verfahren entgegen zu wirken, ist es gut, schnell sichtbare Erfolge zu erzielen. Daher ist es ratsam, die bereits in der Analyse ermittelten Probleme, die am einfachsten zu bearbeiten sind, schnellstmöglich anzugehen.

Überprüfung

"Wer etwas wirken will und keinen Erfolg hat, der suche den Grund bei sich selber." (Mong Dsi)

Damit das nicht erforderlich wird, ist es sinnvoll, in geregelten Zeitabständen Bilanz zu ziehen und den Stand der Dinge zu überprüfen. Auch die beste Planung, gerade bei der Umsetzung von Langzeitperspektiven, ist nicht davor gefeit, auf unerwartete Schwierigkeiten zu stoßen. Zeigt es sich, daß Einzelziele bisher nicht erreicht werden konnten, sind diese entweder zu korrigieren oder andere geeignete Maßnahmen zu beschließen, welche es ermöglichen, die Ziele zu erreichen.

Prozessbegleitende Maßnahmen

Information und Öffentlichkeitsarbeit

"Wir müssen Kerzen anzünden, keine Fässer mit Wissen füllen." (Gerhard Trommer)

Jeder der beschriebenen Schritte ist es wert, durch Information und Öffentlichkeitsarbeit im Freundeskreis und in der Vereinszeitung begleitet und unterstützt zu werden. Sehr wichtig ist mir dabei, neben der Informationsweitergabe, Begeisterung für das Vorhaben zu wecken. Ganz im Sinne des obigen Spruches.

Das macht zwar Arbeit, die Vorteile aber liegen auf der Hand:

  • Es schafft Transparenz.
  • Es schafft Interesse.
  • Es unterstreicht die Vereinsaktivitäten.
  • Es wirbt für Sympathie.
  • Es motiviert die Beteiligten und kann deren Kreis erweitern.

Kooperation

"Einer ist nicht viel, viele sind mächtig, miteinander sind wir unüberwindlich." (Anonymus)

Es ist schön, hilfreich und anspornend zugleich, wenn man sich austauschen kann. Gegenseitiger Erfahrungsaustausch, gemeinsame Beratung und Problemerörterungen helfen, die eigene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sich nicht allein auf weiter Flur zu fühlen. Die Kooperation wäre z.B. möglich mit gleichgesinnten Vereinsmitgliedern, die ja ähnliche Interessen haben werden. So kann über Erfolge oder auch Schwierigkeiten informiert werden, es können aktuelle Fragestellungen in größerem Forum gelöst werden. Einschlägige Literatur kann empfohlen und vermittelt oder ausgetauscht werden, ohne daß jeder erst wieder den gesamten Recherchenaufwand vom Nullpunkt an betreiben muß, es können gemeinsam Maschinen und Geräte ausgeliehen werden usw.

Schlussempfehlung

"Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Gesicht der Erde verändern." (Afrikanisches Sprichwort)

Bitte seien Sie sich dessen bewußt, daß auch der kleinste Schritt in dieser Richtung schon ein beachtlicher Beitrag im Sinne der Agenda 21 ist. Der Phantasie zu weiteren Maßnahmen sind keine Grenzen gesetzt. Das Ziel aller Überlegungen soll sein, daß alles, was wir tun, nachhaltig ist. Unser Handeln soll immer auf die drei Komponenten der Agenda hin überprüft werden:

  • soziale Verträglichkeit
  • ökologische Verträglichkeit
  • ökonomische Verträglichkeit

Nun ist es ja eine durchaus menschliche Eigenschaft, etwas lieber gar nicht erst zu beginnen, bevor man sich einer Selbstverpflichtung und vielleicht sogar einem öffentlichen Bekenntnis unterzieht. Eine Einzelmaßnahme, ohne sie gleich unter dem offiziellen Anspruch der Agenda durchzuführen, kann allerdings bei der Familie, den Freunden und Vereinsmitgliedern Impulse setzen. So leisten Sie bereits einen wertvollen Beitrag für die Gesundheit und Qualität von Boden, Grundwasser und Nahrungsmitteln wenn Sie Ihren Garten nach der Überzeugung bearbeiten: "Decksaat und hacken statt spritzen". Das ist gewiß ein Beitrag, den jeder Gartenfreund leisten kann. Es entstehen keine Kosten, Fremdhilfe ist nicht erforderlich. Was allerdings erforderlich ist, ist Überzeugung, Engagement und Begeisterung.

Letztlich wird der Erfolg die Triebfeder zu weiterem Handeln sein, denn: Nichts ist erfolgreicher und anspornender als der Erfolg. Dennoch sollten Sie sich das Vergnügen gönnen, ein Leitbild für sich zu entwickeln: es macht Spaß und gibt Anlaß einmal etwas tiefgründiger über unser Handeln nachzudenken. Ich denke, es lohnt sich, den Anfang zu wagen und eine möglichst große Zahl von Mitmenschen zum Mitmachen anzuregen, denn auch der Tropfen auf den heißen Stein kann der Beginn eines großen Regens sein. Reinhart Herzog

Mit freundlicher Unterstützung des Ministeriums für Umwelt des Saarlandes
Dieser Artikel ist 1999 in den  Verbandszeitschriften UNSER GARTEN; DER HESSICHE OBST- UND GARTENBAU und RATGEBER FÜR DEN GARTENLIEBHABER erschienen. Mit freundlicher Genehmigung der Unser Garten Verlagsgesellschaft mbH, Kaiserstraße 77, 66133 Saarbrücken-Scheidt, Tel. 0681-812040, Fax 0681-812025.

VGiD Verband der Gartenbauvereine in Deutschland e.V.

Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine in Deutschland. Der Verband der Gartenbauvereine in Deutschland setzt sich für die Erhaltung der Gartenkultur und die Pflege der Kulturlandschaft ein. Er ist ein wichtiger Fürsprecher des Freizeitgartenbaus und Partner der Freizeitgärtner.

Kontakt

Kulturzentrum Bettinger Mühle
Hüttersdorfer Straße 29
66839 Schmelz

06887/90 32 99 9
sal-rlp@gartenbauvereine.de

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